Warum wir neue Erzählungen für die vierte industrielle Revolution brauchen.

 

Als Kopernikus 1543 sein Hauptwerk De Revolutionibus orbium coelestium veröffentlichte, wurde seine Idee, dass sich die Erde um die Sonne dreht, als Hirngespinst abgetan. Zu offensichtlich widersprach es dem, was jeder Mensch mit bloßen Augen sehen konnte: Mond, Sonne und alle anderen Himmelskörper kreisten um die Erde. Die Eleganz seiner Idee wurde erst in der physikalischen Betrachtung sichtbar: Denn nur wenn die Erde um die Sonne kreiste, ließen sich die Umwälzungen der Himmelskörper in einfachen Formeln berechnen und vorhersagen. Die Schockwellen dieser Erkenntnis verbreiteten sich erst nach seinem Tod, aber dafür viel massiver und weit über sein eigentliches Feld der Astronomie hinaus auf Religion, Naturwissenschaft und Philosophie. Sie bildeten den Nährboden für die Erzählungen, die unsere moderne Welt ausmachen.

Was bedeutete es, wenn Sonne, Fixsterne und Planeten nicht dazu da sind, um uns Licht, Wärme und Orientierung zu geben? Wenn oben und unten keine Bedeutung, wenn Himmel und Hölle keinen Ort mehr haben? Welcher Gott sollte sich so was ausgedacht haben? Der Mensch war um eine Enttäuschung reicher. Er hat gelernt, wie unbedeutend er ist. Aber dank Kopernikus ist er auch mächtiger geworden. Denn er hatte die Fähigkeit gewonnen, seinen Platz in dieser Welt neu zu formulieren.

 

Heute sind wir unseren Göttern ein gutes Stück entgegengegangen

476 Jahre später haben wir uns mit dieser Kränkung gut arrangiert. Seitdem haben wir einiges dazu getan, unser Schicksal selbst in die Hand zu nehmen und ein gutes Stück Weges unseren Göttern entgegenzugehen. Mit Hilfe unserer Technologien haben wir eine bis dahin ungekannte Macht über die Natur erlangt. Wir sind sogar in der Lage unser Leben zu verlängern und vielleicht demnächst unsterblich zu werden.

Wir haben Maschinen geschaffen, die bald die Fähigkeit haben werden, schlauer als wir selbst zu sein. Wir haben sie emsig eingelernt mit den Daten, die wir über uns preisgeben. Nun können sie nicht nur Katzen von Hunden unterscheiden. Sie sind hilfreich, wenn es darum geht, uns beim Autofahren, bei der Diagnose von Krankheiten oder beim Bedienen von Maschinen zu unterstützen. Sie werden noch viel mehr unserer Aufgaben übernehmen, was uns nicht nur die Frage beschert, wie die Zukunft unserer Arbeitswelt aussieht. Vielmehr geht es darum, welche Rolle wir selbst dabei spielen werden.

 

Zeit für eine neue Kränkung

Es ist Zeit für eine neue produktive Kränkung. Der Fall Kopernikus hat uns gezeigt, wie wir aus dem Verlust einer Gewissheit neue wirkungsmächtige Ideen erschaffen. Eine der stärksten unter ihnen ruht auf dem Gedanken der Selbstbestimmung und des freien Willens jedes Einzelnen. Die Französische Revolution, die Verfassung der USA und der europäische Gedanke gründen in dieser Idee. Und noch bis zum Ende des vergangenen Jahrtausends schien sie als Sieger dazustehen, als seien nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion alle Diskurse geführt und als sei die Geschichte mit der Durchsetzung der liberalen Weltordnung faktisch beendet.

Politisch wurden wir mit den Anschlägen des 11. September 2001, wirtschaftlich mit der Insolvenz von Lehman Brothers am 15. September 2008 und dem Ausbruch der Finanzkrise eines Besseren belehrt. Nun wird die liberale Idee auch von Seiten der Technologien in die Zange genommen – in einer konzertierten Aktion aus Biotechnologie und Computerwissenschaften. Sie vermitteln uns, dass sich der freie Wille im menschlichen Hirn nicht verorten lässt. Entscheidungen sind eine Folge biochemischer Prozesse. Letztendlich formen diese nichts anderes als Algorithmen, die im Zuge der Evolution immer weiter perfektioniert wurden.

Wenn der Mensch nun aber eine bessere Maschine ist, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Maschine der bessere Mensch wird. Wir brauchen Antworten auf die drängenden Fragen, die die vierte industrielle Revolution aufwirft. Die Idee der Freiheit hat das Potenzial, uns auch einen Weg durch die vierte industrielle Revolution zu weisen. Es lohnt sich, auf dieser Leitidee Erzählungen neu zu formulieren mit anderen großen Erzählungen – etwa den Megatrends wie Mobilität, Urbanisierung, Ökologie und Konnektivität – zu verweben.

 

Die Maschine – der bessere Mensch?

Wenn der Mensch nun aber eine bessere Maschine ist, dann ist es nur noch eine Frage der Zeit, bis die Maschine der bessere Mensch wird. Vielleicht werden wir dann nur noch Wirte einer starken künstlichen Intelligenz sein – so etwas wie die Nibelungen eines größeren Schöpfungsplans.

In welche Richtung das gehen kann, zeigt uns Google in seinem Gedankenspiel The Selfish Ledger (Youtube). Es ist keine allzu inspirierende Vorstellung, künftig ein Teil eines Fortpflanzungsplans einer schlauen Maschine zu sein. Auf gutem Weg zum Wirtstier sind wir schon. Die Reduktion unseres Denkens auf materielle und ökonomische Dimensionen und der Glaube an die Mess- und Optimierbarkeit ist mitunter so weit fortgeschritten, dass wir mitunter zu vergessen scheinen, was uns als Menschen ausmacht.

 

Fiktionen, nicht Fakten bestimmen unser Handeln

Und das ist die mobilisierende Kraft von Erzählungen – also von Fiktionen. Sie und nicht wissenschaftliche Fakten oder ökonomische Notwendigkeiten setzen die Energien frei, die unser Handeln bestimmen. Die Fähigkeit, mit Erzählungen eine große Zahl von Menschen zum gemeinsamen Handeln zu aktivieren, unterscheidet uns von allen anderen Lebewesen. Sie gibt uns die Kraft zur Kooperation. Diese Muster sind tief in unser Hirn eingeschrieben. Sie haben an den Lagerfeuern der ersten Menschen ihren Anfang genommen, haben in Religionen und politischen Theorien ihre Wirkung entfaltet und schaffen es bis heute, eine große Zahl von Menschen in gemeinsamen Überzeugungen zu verbinden. In einer besonderen Ausprägung sehen wir das gerade in der Wirkungsmacht der Fake News.

Höchste Zeit also für eine Standortbestimmung. Welche Erzählung kann in diesem Kontext Kraft entfalten? Zunächst einmal lohnt es sich zu relativieren: Die Reduktion unseres Denkens auf materielle und ökonomische Dimensionen und der Glaube an die Mess- und Optimierbarkeit sind eben auch nur Fiktionen. Sie nützen Staaten, die sich der Überwachung verschrieben haben, und Quasi-Monopolisten, die mit Daten ihr Geld verdienen.

 

Spielräume nutzen – Materialismus ist auch nur eine Fiktion

Dazwischen ist noch Spielraum. Es lohnt sich, ihn auszubauen und neue wirkungsmächtige Erzählungen zu formulieren. Und hier kommt die Idee der Freiheit wieder ins Spiel. Sie ist ein mächtiger Gegenspieler des Materialismus und des datengetriebenen Determinismus. Auch wenn sie in diesem Jahrtausend einige Blessuren einstecken musste, ist sie eine der erfolgreichsten Ideen der vergangenen drei Jahrhunderte. Die Mischung aus Besitzrechten, freiem Handel und politischer Freiheit hat viele Menschen mobilisiert und die größte kreative Energie freigesetzt. Die Idee der Freiheit hat ihre Anpassungsfähigkeit und Relevanz in allen drei vorangegangenen industriellen Revolutionen bewiesen. Ihre real existierenden Ausprägungen haben mehr als die anderen Erzählungen zu Wohlstand, Frieden und Gerechtigkeit beigetragen. Sie hat uns den Wohlfahrtsstaat, den Kapitalismus und die Demokratie beschert. Sie hat uns gezeigt, dass sich die besten Ideen durchsetzen können und nicht die von oben verordneten. Vieles davon ist gerade bedroht. Aber das hilft uns zu sehen, was wichtig ist.

 

Die vierte industrielle Revolution braucht neue Erzählungen

Wir brauchen Antworten auf die drängenden Fragen, die die vierte industrielle Revolution aufwirft. Die Idee der Freiheit hat das Potenzial, uns auch einen Weg durch die vierte industrielle Revolution zu weisen. Es lohnt sich, auf dieser Leitidee Erzählungen neu zu formulieren mit anderen großen Erzählungen – etwa den Megatrends wie Mobilität, Urbanisierung, Ökologie und Konnektivität – zu verweben. Wenn wir in diesem Zusammenhang etwas von Kopernikus und seinen Nachfahren lernen können, dann dies: Erst der Verlust von Gewissheiten macht das Formulieren neuer starker Erzählungen möglich.

 

 

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