Unsere Telefone haben keine Wählscheiben mehr. Dafür aber eine Taschenlampe, einen Kompass, einen Taschenrechner, ein Fotoalbum, eine Videokamera, eine Stereoanlage, einen Fernseher, einen Geldbeutel und noch viel mehr. Alles Dinge, die wir vorher physisch besessen haben. “Software is eating the world”: Mit seinem berühmten Diktum hat Netscape-Erfinder Marc Andreesen 2011 die Entwicklung auf einen Satz gebracht und die erste große Welle der Digitalisierung beschrieben.

Das allmähliche Verschwinden der Dinge

Software ist der große Disruptor und Skalierer. Dabei hat Software so allerlei Dinge verschlungen, die wir heute nicht mehr brauchen und die manche vielleicht auch gar nicht mehr kennen: das Faxgerät, die Wetterstation, die CD, gedruckte Zeitschriften. Der Schlüssel zu dieser Entwicklung war die Vernetzung der Geräte. Erst sie machte es möglich, dass immer mehr physische Dinge verschwinden und durch Programme ersetzt werden. Banken brauchen keine Filialen, Versandhäuser keine Läden, Medienhäuser kein Papier mehr. Neue Intermediäre sind auf den Plan getreten und dabei, angestammte Platzhirsche zu verdrängen: Sie nennen das gerne „Disintermediation“ und tun so, als würde ein „Middleman“ wegfallen. Tatsächlich aber setzen sie an Stelle eines alten einen neuen Vermittler: „Medienbetreiber“ ohne Journalisten, Übernachtungsanbieter ohne eigene Hotels, Mobilitätsanbieter ohne eigene Autos. Am Kapitalmarkt zeigt sich die Verschiebung besonders drastisch: Die wertvollsten Unternehmen der Welt sind heute Software-Unternehmen.

Was hat diese erste Digitalisierungs-Welle so erfolgreich gemacht? Das waren Muster, die aus einem Mix aus minimalen physischen Ressourcen, maximaler Skalierbarkeit und dem „The-Winner-takes-it-all“-Prinzip bestehen. Sie brachten die großen digitalen Monopole hervor – die westlichen Plattformökonomien GAFA (Google, Apple, Facebook und Amazon) und die Sprösslinge des chinesischen Staatskapitalismus BAT (Badiu, Alibaba und Tencent). Die Gedankenwelt dieser Unternehmen hat der Software Unternehmer Peter Thiel auf den Punkt gebracht: „Competition is for losers.“ Die großen Plattformen haben einen Überwachungskapitalismus geschaffen, der den Interessen von Unternehmen bzw. (im Falle von China) des Staates dient und den Menschen nur noch als willfährigen Nutzer und Datenlieferanten betrachtet. Irgendwie haben wir uns Kapitalismus anders vorgestellt.

Software hat einen großen Magen

Ist Software nun satt? Es sieht nicht so aus. Oder um es in Anlehnung an Mephisto beim Osterspaziergang mit Faust zu sagen: „Software hat einen großen Magen. Hat ganze Branchen aufgefressen. Und doch noch nie sich übergessen.“ Der nächste Braten wird gerade aufgetischt: 50 Milliarden Geräte sollen nach Schätzungen von Juniper Research bereits 2022 an das Internet angeschlossen sein, gegenüber 21 Milliarden in 2018.

Dazu zählen smarte Lautsprecher, Kühlschränke, Thermostate, Lampen, Heizungen, Fahrräder, Autos und noch vieles mehr. Geräte also, die mit zahlreichen Sensoren ausgestattet sind und ständig Daten in „die Cloud“ liefern. Und noch spannender: das industrielle Internet der Dinge (IIoT), also Maschinen, Anlagen und ganze unternehmensübergreifende Produktionsketten. Dessen Anteil ist aktuell noch kleiner, wächst aber schneller als das Consumer-IoT. Angesichts dieser gigantischen Menge an Sensoren und den daraus entstehenden Daten erscheint die bisherige Plattformwelt eher als Vorspeise.

Der zweite Gang wird angerichtet

Doch werden dieselben Muster die nächste Digitalisierungs-Welle bestimmen, mit einer vielfachen Anzahl an Geräten, die verschluckt und verdaut werden wollen? Es gibt drei gute Gründe, das anzuzweifeln:

  1. Mehr Wettbewerb
  2. Neue Geschäftsmodelle
  3. Bessere Rahmenbedingungen

1. Mehr Wettbewerb: Nach Peter Thiels Maßstäben gehört schon die nächste Welle der großen Technologieunternehmen zu den Losern. Diese Unicorns genannten, mit über einer Milliarde Dollar bewerteten Unternehmen wie AirBnB, Lyft und Uber haben mit erheblich mehr Wettbewerb zu kämpfen, leiden unter Ergebnisdruck und skalieren bei weitem nicht mehr so schnell wie die GAFAs. Bei Fahrdienstleistungen oder Streaming-Angeboten gibt es eben mehr als nur einen Anbieter. Und der Wechsel ist einfach. Jetzt wird sich zeigen, ob Silicon Valley nur „blitzscaling“ und Monopole kann, oder ob auch nachhaltigere Geschäftsmodelle von dort kommen. Zweifel daran scheint es auch auf der Kapitalseite zu geben. Angesichts der hohen Bewertungen der US-Unternehmen suchen die dortigen Investoren inzwischen vermehrt außerhalb des eigenen Landes nach neuem Futter (siehe dazu „The trouble with tech unicorns“, Economist, 20. April 2019).

2. Neue Geschäftsmodelle: Die neue Welt ist komplexer. Sie vernetzt nicht mehr nur Menschen mit Menschen, sondern Maschinen mit Maschinen und auch mit Menschen. Mittels Milliarden Sensoren in den Maschinenparks lassen sich ganze Produktionsprozesse überwachen und steuern. Ein wachsender Teil davon über autonom handelnde Systeme. Denn auch in der industriellen Welt wird Software an der Spitze der Nahrungskette stehen. In naher Zukunft wird es keine Maschine ohne Netzanschluss und digitalen Zwilling mehr geben. Software ist hier die wichtigste Komponente, auch im Internet der Dinge geht der Ersatz von bisher physischen Bauteilen und Baugruppen durch digitale immer weiter. So ist es möglich, dass das ganze System vor allem Grundlage für das Angebot eines Dienstes über das Internet wird.

Damit entstehen neue Wertschöpfungsketten und Geschäftsmodelle, insbesondere in den „dinglichen“ Sektoren wie Maschinenbau und Produktion. Hier können europäische Unternehmen mit ihrem relativ großen und vor allem technologiestarken Industrie-Fokus punkten. Mit der Vernetzung ihrer Produkte verbinden sie die physische Welt mit dem Internet und entwickeln darauf neue Lösungen und Services wie etwa Smart Factories oder dezentrale Kraftwerke.

Es gründen sich neue Unternehmen, die mit der Verbindung von Software und Hardware neue Angebote schaffen und bestehende Industrien transformieren. So etwa der IoT-Framework-Entwickler Relayr, der mit seinem Software-Kit Maschinen verbindet und die gewonnenen Daten mit Finanz- und Versicherungsangeboten verbindet. Oder das Batterie-Speicher-Unternehmen Sonnen, das jeden Hausbesitzer zum Photovoltaik-Kraftwerksbetreiber macht. Was ihnen gemeinsam ist? Hier entstehen neue Lösungen aus der schlauen Verbindung von Software und Hardware. Beiden gemeinsam ist auch, dass sie für stattliche Kaufpreise von großen Konzernen übernommen wurden.

3. Bessere Rahmenbedingungen: Lange Zeit war das digitale Netz mit seinen darin gespeicherten Daten unreguliert und dem Gestaltungswillen der Technologiekonzerne überlassen. Das Beängstigende daran: Zum ersten Mal in der Geschichte ist damit eine gesellschaftlich relevante Infrastruktur ausschließlich in privaten Händen. Bis dahin hatten Staaten oder supranationale Institutionen in der einen oder anderen Weise zumindest ein Auge, wenn nicht sogar eine Hand darauf: seien es Straßen- und Schienenbau, Elektrizität oder auch der Kapitalmarkt. Spät, aber immer kraftvoller formiert sich ein Widerstand gegen die Vorherrschaft der Tech-Konzerne. Eine Milliarden-Zahlung, vereinbart mit der US Federal Trade Commission, tut Facebook zwar nicht allzu weh, aber sie zeugt davon, dass der willkürliche Umgang mit persönlichen Daten nicht mehr hingenommen wird.

Es werden immer mehr Stimmen aus verschiedenen Bereichen laut, die die Brisanz des Themas sehen und sich für die Rechte und die Freiheit des Einzelnen gegen die mächtigen Digitalkonzerne einsetzen. Im Zentrum dieser Suchbewegungen stehen in Europa der Mensch und seine Freiheitsrechte sowie die Fragen von Chancengleichheit und Solidarität. Neben Datenschutz-Aktivisten wie Max Schrems sind darunter der Historiker Yuval Noah Harari und der Philosoph Julian Nida-Rümelin. Nida-Rümelin begreift die humanistische Tradition Europas als Chance und sieht aus dieser Perspektive die Gestaltungsmöglichkeiten der digitalen Transformation (Digitaler Humanismus, Piper 2018). Auf das europäische Erbe setzt auch der Technologieanalyst Ulrich Sendler und plädiert für eine Orientierung an den attischen Stadtstaaten der Antike, das in Verbindung mit digitalen Mitteln ein Modell für die Gesellschaft der Zukunft sein könne (Das Gespinst der Digitalisierung, Springer 2018).

Das Digitalmagazin t3n hat ein Manifest für ein Digitales Europa auf den Weg gebracht und lädt unter dem Hashtag #HeyEuropa zur Mitgestaltung ein. Einen europäischen Blickwinkel und die Rückbesinnung auf Humanismus und Aufklärung findet sich auch im Vienna Manifesto on Digital Humanism. Die Autoren sind Wissenschaftler unterschiedlichster Disziplinen und Länder. Sie konstatieren ein Systemversagen und fordern eine digitale Technologie, die sich nach den Werten und Bedürfnissen des Menschen richtet.

Die Grundlagen zum Umgang mit der Digitalisierung werden etwa in einer Datenethik-Kommission, einem Digitalrat, einer Wettbewerbskommission, Forschungsinstituten wie dem kürzlich eröffneten Bayerischen Forschungsinstitut für Digitale Transformation geschaffen. Diese Grundlagen müssen aber in weiteren Gesetzen, gezielter Regulierung und besseren Netz-Infrastrukturen münden, um wirkungsmächtig zu werden.

Einen dritten Weg der digitalen Transformation in Europa gelte es zu finden, so Ursula Münch, Direktorin der Akademie für Politische Bildung, in ihrer Keynote bei der Eröffnung des bidt. Sie nimmt dabei die Politiker in die Pflicht. Ethik dürfe nicht als Ersatz für fehlende Regulierung genommen werden. Erste Ansätze gibt es: Die Datenschutz-Grundverordnung und die Urheberrechts-Reform sind zwar umstrittene, aber auch von einem erwachenden Selbstbewusstsein zeugende Bausteine einer Regulierung. Die Digitalsteuer, die auf eine internationale Besteuerung der Tech-Konzerne zielt, wird von Frankreich zum Ärger des US-Präsidenten vorangetrieben.

Was kommt als nächstes auf den Teller?

Software bleibt also hungrig. Die Frage ist, was als nächstes auf den Tisch kommt. Vor allem aber: wer die Essens-Regeln bestimmt. Hier zeichnen sich zwei Treiber ab: Einerseits die Cloud-Technologien, andererseits die Entwicklung der sogenannten künstlichen Intelligenz (KI). In beiden Bereichen spielen US-Unternehmen ganz vorne mit.

  • Cloud: Die vier größten Anbieter im Cloud-Markt sind US-Unternehmen: IBM, Microsoft, Amazon und Salesforce. Erst an fünfter Stelle kommt mit SAP ein Unternehmen aus Europa (in der Reihenfolge ihrer Cloud-Umsätze siehe Gevestor). Doch die Cloud-Landschaft ist differenzierter: Bei Produktion und Fertigung wird insbesondere Deutschland als Vorreiter für digitale Smart Services gesehen. So vielfältig wie das produzierende Gewerbe sind auch die Cloud Lösungen, darunter Plattformen wie ADAMOS, AXOOM, MindSphere oder Virtual Fort Knox.
  • KI: Bei der KI – oder genauer gesagt beim Machine Learning – zeichnet sich inzwischen ein gewisser Trend zu Oligopolen ab. Google hat mit AlphaGo und AlphaGo Zero gezeigt, dass Maschinen auf klar begrenzten Spielfeldern erfolgreich Regeln erkennen und anwenden können. Das zugundeliegende KI-Framework Tensorflow wird immer mehr zum De-Facto-Standard für die Massen-Entwicklung von KI-Anwendungen (siehe Computerwoche). Und Google baut kräftig weiter an seinem KI-Ökosystem mit der eigenen Tensor-Cloud und selbst-entwickelten Prozessoren, den Tensor Processing Units (TPUs). Der Cloud-Gigant IBM wiederum gestaltet unter seiner Watson-Brand kräftig im IIoT-Markt mit, etwa im Bereich Automotive bei Audi, BMW und Mercedes. Aber die industrielle Welt ist komplexer als regelbasierte Spiele. Hier ist noch keineswegs klar, wer das Rennen macht. Auch bei der Software-Entwicklung gibt es Open-Source-Ansätze wie das Meta-Framework Keras, das über offene Schnittstellen viele KI-Softwarebibliotheken integriert.

Nur wer am Tisch sitzt, kann mitgestalten

Es steht also noch nicht fest, was als nächster Gang im Menü der digitalen Transformation serviert wird. Noch ist nicht einmal klar, ob Europa weiterhin mit am Tisch sitzt oder auf dem Teller liegt. Bei den industriellen Dingen ist Europa stark, in Sachen Software eher schwach. Und die gesellschaftliche Diskussion gewinnt gerade an Momentum. Das ist gut so. Es lohnt sich engagiert für einen Sitzplatz am Verhandlungstisch der Zukunft zu kämpfen. Und zwar aus einem gesunden Selbsterhaltungstrieb und der Überzeugung heraus, dass Antworten auf die Krise der Demokratie und die Bedrohung liberaler und humanistischer Werte nur über die Mitgestaltung der digitalen Transformation gefunden werden können.

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