Warum unsere Welt eine Blockchain ist und Geschichten die Währung sind. 

 

Was die Blockchain mit Storytelling zu tun hat? Mehr als es auf den ersten Blick aussieht. Beides sind Systeme zur Datenverarbeitung und zum Ausbilden von Netzwerken. Aber der Mensch macht das schon länger und ist besser darin als der Computer. Doch mit dem Blick auf die Blockchain werden einige Muster des Storytelling sichtbar.

Storytelling ist so alt wie der Mensch: es ist eine Kulturtechnik, die unsere Vorfahren vor etwa 70.000 Jahren entwickelt haben. Als Homo Sapiens am Lagerfeuer in den Höhlen begann, über Dinge zu sprechen, die nur in seiner Vorstellung existierten. Viel ist darüber geschrieben worden. Aber meist nur taktisch, im Sinne von „Wie nutze ich Storytelling für die Unternehmenskommunikation?“, „Wie erobere ich in die Herzen meiner Zuhörer?“ oder auch „Wie muss eine gute Story aufgebaut sein?“

 

Storytelling – mehr als ein Instrument der letzten Meile

Doch Storytelling ist weit mehr als ein Instrument der letzten Meile. Die neuronale Kopplung unserer Gehirne durch Geschichten ist die effizienteste Datenverarbeitung der Welt: Storytelling hat sich im Laufe der Evolution eingeschrieben in die Strukturen unseres Gehirns. Es ist das wirksamste Instrument zur Kooperation und zum Ausbilden von Netzwerken. An den Lagerfeuern unserer Vorfahren haben sich die Muster entwickelt und unsere Erzählstrukturen geprägt – von den ersten Höhlenbildern bis zu den Posts auf Instagram. Dazwischen sind ein paar große Erzählungen entstanden – Religionen, Philosophien, Weltanschauungen –, auf denen Systeme wie Kirche, Staat und Schulen gegründet wurden. Geld und Schrift sind die Netzwerke, über die die Geschichten verwoben und verhandelt werden. Geschichte ist in diesem Sinn keine einzelne Erzählung, sondern ein vielfach verwobenes Geflecht tausender alternativer und konkurrierender Erzählungen. Für welche wir uns auch immer entscheiden, bedeutet die anderen zu verschweigen. Auch das Ende der Geschichte – das Francis Fukuyama in seinem Essay Ende der 80er Jahre beschwor – war der Anfang einer neuen (siehe auch Ist die Maschine der bessere Mensch?).

 

Die Rollen sind heute klar verteilt: Bitcoin ist böse, Blockchain ist gut. Denn die Blockchain steht für Disruption. Und Disruption ist der Held der Digitalisierung.

Wo wir gerade bei den großen Erzählungen sind, dürfen natürlich die Fake News nicht fehlen. Sie sind ganz zentral für das Verständnis von Geschichten. Denn jede Geschichte erhebt den Anspruch auf Wahrheit. Ob sie aber wahr ist oder nicht, bestimmt nicht die Faktenlage, sondern ein gesellschaftlicher Konsens. Um es mit dem Historiker Noah Juval Harari weiter zuzuspitzen, sind die großen Erzählungen – Religionen und Weltanschauungen – nichts anderes als erfolgreiche Fake News, nur etwas älter (21 Lessons for the 21st Century, 2018).

 

Unsere Wirklichkeit ist eine Konstruktion

Was das mit der Blockchain zu tun hat? Eine Blockchain ist wie das Storytelling ein großes System der Datenverarbeitung und -speicherung. Es basiert auf dezentralen Instanzen und ist verteilt auf viele Rechner, die eine Art Journal aller auf ihr ausgeführten Transaktionen bilden. Das System wird distributed ledger genannt. Es ist ein Konsenssystem: Transaktionen werden über Konsens geschaffen und im ledger dokumentiert. Alle Transaktionen sind dort eingeschrieben und verteilt auf eine riesige Zahl von Rechnern. Eine Blockchain enthält also die komplette Geschichte aller vergangenen Transaktionen, die in einer Kette eingebunden sind. Jedes Glied einer Kette verweist auf das vorangegangene und das nächste Glied. Der ledger ist also eine Art kollektives Gedächtnis, der die Geschichte aller Transaktionen enthält.

Legitimiert werden diese Transaktionen durch den Konsens des Netzes, also einer Gruppe, die sich auf dieses System geeinigt hat und seine Rechner dafür zur Verfügung stellt. In der Blockchain ist Wahrheit größer oder gleich 51%. Wenn 51% aller Netzwerk-Teilnehmer die Transaktion bestätigen, ist sie wahr und wird als neues Glied (block) in die Kette (chain) eingehakt. Unsere Welt jenseits der Blockchain ist in diesem Punkt etwas komplexer, funktioniert aber im Grunde nach demselben Muster.

Fehlt noch die Gabel. Die Gabel – im englischen fork – bezeichnet die Abspaltung einer Blockchain – also etwa Bitcoin Cash aus Bitcoin. Eine fork entsteht dann, wenn ein Teil der Schöpfergemeinde einer Blockchain neue Regeln aufstellt. Der Erfolg einer fork hängt davon ab, wie groß die Fangemeinde der Abspaltung ist – verhält sich also zum Beispiel so wie Luthers Thesen zur katholischen Lehre. Eine erfolgreiche fork schreibt dann die Erzählung fort, fristet im anderen Fall das prekäre Dasein einer Häresie oder etabliert sich als alternativer Erzählstrang. So betrachtet ist die Blockchain eigentlich auch nur eine Erzählstruktur unserer Welt. Sie macht deutlich, wie wir unsere Wirklichkeit erzeugen und wie Storytelling funktioniert.

 

Gut und Böse als dramaturgische Elemente

Die Ähnlichkeiten beschränken sich nicht auf die Strukturen. Auch die Dramaturgie weist das Muster einer guten Story auf. Ein Motiv für die Entstehung der Blockchain war das wachsende Misstrauen gegenüber etablierten Institutionen wie Staaten, Unternehmen und Banken, die Einfluss nehmen auf die Verfügbarkeit von Ressourcen – in diesem Fall Informationen und Geld. Der ursprünglich anarchische Charakter des Internet, der freie Zugang zu Informationen, die Gleichbehandlung aller Nutzer ist bedroht. Die Netzneutralität wird untergraben durch wirtschaftliche Interessen der Internetdienstanbieter. Die Blockchain versprach als neutrale Plattform allen die gleichberechtigte Teilnahme an der Wertschöpfung.

Die Ursprungsidee des Bitcoin und anderer auf Blockchains basierender Kryptowährungen ist ein Gegenmodell zu dem von Zentralbanken geschöpften Fiatgeld. Diese Geldtheorie basiert auf der Vorstellung, dass ein technischer Prozess neutraler ist als die Geldschöpfung durch Zentralbanken. Bitcoin und die darunterliegende Struktur der Blockchain erschienen als eine Wiedergeburt der anarchischen Ursprungsidee des Internet – und zwar in der Erzählstruktur des amerikanischen Goldrauschs. Geprägt von der Idee der Freiheit und Selbstverwirklichung, gepaart mit einem Misstrauen gegen bestehende Institutionen. Und wie beim ersten Goldrausch haben zunächst einmal die Hersteller von Spaten profitiert – in unserem Fall sind das die Hersteller von Spezialrechnern und Grafikkarten für das Mining.

 

Bitcoin ist böse, die Blockchain ist gut.

Das Beispiel zeigt zugleich sehr schön, wie das Böse als dramaturgisches Element einer guten Story die Geschichte vorantreibt. Ursprünglich war das Duo Bitcoin-Blockchain angetreten, gegen die bösen etablierten Institutionen zu kämpfen. Doch die dunkle Seite hat sich des Bitcon bemächtigt, sie tritt in Form von Erpressern, Dealern und Menschen- und Waffenhändlern auf. Denn sie nutzen Kryptowährungen als Plattform für ihre bösen Geschäfte. Und der Klimawandel heizt die Debatte an, verbraucht das Netzwerk für seine Transaktionen doch inzwischen so viel Strom wie Dänemark. Und das meiste davon stammt aus dreckigen Kohlekraftwerken chinesischer Herkunft.

Gut und Böse stehen sich in dem ehemaligen Erfolgsteam inzwischen recht klar gegenüber. Während Bitcoin im Bund mit der dunklen Seite der Macht steht, steht die Blockchain auf der guten Seite. Das lässt sich am inflationären Gebrauch des Begriffes im Zusammenhang mit Innovation und Digitalisierung ablesen. Die Blockchain wird inzwischen eine Art Universalwerkzeug für alle digitalen Prozesse gehandelt. Sie steht für Disruption. Und Disruption ist nun mal der Held der Digitalisierung. So sorgt die Verwendung des Begriffs Blockchain bei manchem börsennotierten Unternehmen gerne mal für Kurssprünge von mehreren hundert Prozent.

 

Muster, die unsere Welt bestimmen

Die spannende Frage dabei ist, wie sich diese Gruppen bilden, die über unsere Geschichten verhandeln und wer sich aus welchen Gründen durchsetzt. Es lohnt sich zu verstehen, welche Motive sie antreiben, welche mentalen Modelle sie verwenden und nach welchen Mustern das entsteht, was wir unsere Welt nennen.

Selbst in den sogenannten exakten Wissenschaften ist nicht die immanente Logik der Erkenntnisse, sondern der soziale Konsens einer Gruppe von Wissenschaftlern entscheidend dafür, welche Sichtweise sich durchsetzt. Das hat Thomas Kuhn 1968 in seiner großartigen Analyse der Struktur wissenschaftlicher Revolutionen gezeigt. Also selbst in den nach eigenem Anspruch fiktionsfreien Disziplinen der Wissenschaft werden nicht Mythen durch Realität ersetzt, sondern nur eine Fiktion durch eine andere.

Egal ob in Wissenschaft, Religion oder Wirtschaft: Am Ende geht es um die Durchsetzung der Deutungshoheit einer sozialen Gruppe. Und damit um das Ausüben von Macht. Ohne zu verstehen, in welchem Kontext wir agieren, ist Storytelling wirkungslos und arbeitet sich am Offensichtlichen ab. Entscheidend ist es, die Geschichte hinter den Geschichten zu erkennen, um den Hebel zur Veränderung zu finden.

Der Philosoph Ludwig Wittgenstein hat einmal gesagt, „die Grenzen meiner Sprache sind die Grenzen meiner Welt.“ Aber unsere Sprache ist nur das Medium. Eigentlich bilden die daraus geformten Erzählungen unsere Welt und markieren ihre Grenzen. Und mit den Erzählungen lassen sich Grenzen überwinden und neue Welten entdecken. Mögen sie die Welt zu einem besseren Ort machen. Oder in den Worten von Obi-Wan Kenobi ausgedrückt: „May the fork be with you!“

Share This